So, in diesem Blog gibt es mal wieder was aus der großen Welt des Sports von mir.
Heute war im Kampfkunstzentrum mal wieder ein offener Lehrgang und dieses Mal ging es um das Thema „Chi in den Kampfkünsten“, ein Thema dem ich persönlich immer noch etwas skeptisch gegenüberstehe.
Ich bin eigentlich generell eher Rationalist und hab einen eher schlechten Draht zu jeglichen spirituellen Phänomenen und das Prinzip des Chi, der großen Naturkraft die durch alles fließt und in allem wirkt und tief aus der asiatischen Philosophie des Daoismus kommt, ist so etwas was ich mir nicht wirklich vorstellen kann.
So war auch mein bisher einziger Ausflug in den Daoismus, das lesen des Daodejing von Laotse, eher ein skurriles Abenteuer, als eine Verständnisfindung, auch wenn so manche Weisheit des Laotse genial einfach und einfach genial ist.

Aber zurück zur Kampfkunst.
Hier ist das Chi (oder auch Ki oder Gi) irgendwie so ein Mittelding zwischen physikalischen und biologischen Effekten und einer Art mystischer Kraft die der Kämpfer nicht nur in sich hat, sondern auch aus seiner Umgebung „absaugen“ kann um sie für sich nutzbar zu machen.
Klingt verrückt?
Ja ich weiß.
Es ist einfach ein komisches Ding mit dem Chi.
Einerseits scheint es gut verständlich zu sein. So gibt es z. B. bestimmte Atemtechniken um das Chi zu sammeln und zu verstärken, wie das gezielte Atmen tief in den Bauch hinein und nicht in den Brustkorb, was in Perfektion so aussieht das sie beim Atmen nur noch de Bauch hebt und senkt.
Generell liegt das „Sammelbecken“ des Chis quasi im Bauch und der Hüfte, in der deshalb auch alle Techniken (Tritte, Schläge) ihren Anfang nehmen.
Und es wirkt ja auch.
Ein Schlag der nicht nur aus dem Arm, sondern aus der Hüfte heraus geführt wird hat um einiges mehr Kraft. Selbiges gilt für Tritte.
Allerdings lassen sich diese Effekte auch biologisch und physikalisch erklären. Das sind dann Dinge wo Chi für mich nicht mehr als ein Sammelbegriff für verschiedene zusammenwirkende, natürlich Phänomene ist der nur der Einfachheit halber als Umschreibung genutzt wird.
Dann gibt es aber auch noch dieses andere Chi, wie es beispielsweise bei der Akupunktur vorkommt, wo angeblich durch gezielte Nadelstiche „Verstopfungen“ in den Chi-Bahnen des Körpers gelöst werden, die zu Beschwerden führen.
Klingt ja gut, nur haben unabhängige Untersuchungen der Krankenkassen ergeben das Akupunktur einerseits tatsächlich wirkt, es aber andererseits egal ist wo die Menschen gepiekt werden. Ob nun auf den traditionellen, angeblichen Chi-Punkten oder völlig frei nach Fantasie, bei den Untersuchungen fühlten die Testpersonen sich so oder so danach besser.
Akupunktur scheinbar als reiner Placebo Effekt, an den man nur glauben muss damit er auch wirkt.
Ganz ähnlich ist das auch in der Kampfkunst, um Chi zu nutzen muss man erst einmal an Chi glauben, das wurde auch bei dem Lehrgang heute so gesagt, und da sind wir wieder an dem Punkt der mir schwer fällt.
Aber zum Lehrgang allgemein. Er war auf jeden Fall mal wieder spitze.
Insgesamt gab es drei Trainingseinheiten, von denen die ersten beiden Tai-Chi waren und die dritte Anwendung des Chi im Karate und Tae-Kwon-Do.
Die erste Session Tai-Chi drehte sich vor allem um die so genanten Formen, bestimmte Bewegungsabläufe die man allein für sich ausführt und so immer und immer wieder üben kann.
Es ging also los mit einfachen Grundbewegungen, die dann zu ersten Kombinationen zusammengesetzt wurden, bis am Ende der Einheit ein erster längerer Teil einer noch viel längeren Form gelaufen wurde.
Bedenkt man das Tai-Chi in China so eine Art Volkssport ist und sich allmorgendlich 1000ende Leute in Parks versammeln um gemeinsam ihre Formen zu laufen, dann kann ich darüber nur staunen, denn auch wenn das ganze beim zusehen aufgrund seiner langsamen und sehr geschmeidigen Bewegungen vielleicht nach alte Leute Gymnastik aussieht, es ist doch verdammt schwierig und auch anstrengend.
Obwohl es das ja eigentlich gar nicht sein sollte, wäre man in perfektem Einklang mit seinem Körper und seinem Chi. Aber das bin ich definitiv nicht, also hatte ich gehörig mit den langsamen Bewegungen zu kämpfen, die vor allem eine große Körperbeherrschung verlangen um ständig in der Körpermitte und damit im Gleichgewicht zu bleiben.
In der zweiten Session ging es dann um eine eher praktische Anwendung des gerade eben erprobten.
Diverse Bewegungen aus der Form wurden nun in Partnerübungen zu Verteidigung und Angriff eingesetzt und auch das allgemeine Körper- und Chigefühl wurde erprobt.
Eine interessante Übung war z. B. das einfache hinstellen mit geschlossenen Augen, worauf der Partner nun langsam seine Hände auf die Ohren oder Augenhöhlen zu bewegte. Aufgabe war das öffnen der Augen wenn man meint die Hände des Partners „erfühlen“ zu können.
Cool war, es funktioniert tatsächlich.
Allerdings hat es imho weniger mit Chi zu tun, als vielmehr damit das man a.) den Partner hört und b.) ab einer bestimmten Nähe die Wärme des Körpers des Partners auf der Haut fühlen kann.
Aber ist auch egal woran es nun tatsächlich liegt, wichtig ist, es geht.
Das genaue Gegenteil war dann für mich eine Übung bei der man sich gerade hinlegen musste und nur seine Fingerspitzen aneinander reiben lassen durfte. Am Ende sollte dabei ein Gefühl dafür entstehen wie die Energien durch den Körper wandern, aber das einzige was ich fühlte war der harte Holzboden unter mir.
Zu guter letzt gab es dann wie gesagt noch die Übertragung des gerade gelernten auf das Karate und Tae-Kwon-Do, das mit mangels Fachwissen (wenn es hochkommt vielleicht 4 Stunden Tae-Kwon-Do und 2 Stunden Karate Erfahrung) nur wenig gebracht hat.
Dafür durften wir aber eine äußerst anstrengende Kata laufen, bei der noch dazu gleich Abhärtung betrieben wurde, was wieder für ein tolles Sammelsurium von blauen Flecken auf den unterschiedlichsten Körperregionen bei mir gesorgt hat.
Aber nun ja, nur die Harten... und so weiter.
Im Endeffekt geh ich aus diesem Lehrgang aber immer noch mit sehr gespalten Gefühlen heraus.
Einerseits ist das Chi wirklich schon ein wichtiges Prinzip der Kampfkünste, an dem man unbedingt feilen muss, andererseits sind manche Anwendungen doch schon ziemlich fragwürdig und wissenschaftlich gesehen ziemlicher Humbug.
Oftmals ist Chi nur so ein Deckmantel, unter dem sich in der Tat funktionierende und auch wissenschaftlich erklärbare Tricks und Kniffe verstecken und dann ist es ja eigentlich egal ob man die Phänomene nun wirklich einzeln erklärt und auch als solche benennt oder ob man einfach sagt das wäre eben Chi, Hauptsache ist ja das es eben funktioniert.
Und selbst wenn es am Ende gar nur ein Placebo-Effekt ist, glauben versetzt Berge, wie man so schön sagt. Auch in der Medizin ist doch egal ob „echtes“ Medikament oder Placebo, solang der Patient gesund wird.
Na ja, der Lehrgang war auf jeden Fall eine absolut lohnende Erfahrung und wenn ich die Möglichkeit erhalte werde ich sicher noch einmal aufs Tai-Chi zurückkommen. Denn auch wenn es schwer ist, wenn man beginnt den Sinn hinter den Bewegungen zu verstehen und selbige langsam anfangen etwas geschmeidiger und flüssiger zu werden und die Atmung ordentlich mit den Bewegungen synchronisiert (bzw. anders herum), ist es ein echt tolles Gefühl.